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11. September 2026

Dafür gibt es Studien: Warum das wenig beweist

Dafür gibt es Studien: Warum das wenig beweist

„Dafür gibt es Studien.“ Diesen Satz hast du bestimmt schon gehört. Meistens beendet er das Gespräch.

Er klingt wie ein Beweis. Ist aber erst mal nur ein Hinweis darauf, dass irgendwo ein Papier existiert. Wie belastbar dieses Papier ist, hängt an Fragen, die selten gestellt werden: Wer hat die Studie bezahlt? Wer durfte überhaupt teilnehmen? Und womit wurde verglichen?

Lothar Hirneise beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Krebstherapien und sagt von sich, tausende Studien gelesen zu haben. Sein Urteil ist unbequem: Selbst er könne bei vielen Studien nicht sicher beurteilen, was sie wirklich aussagen. Für Menschen ohne medizinische Ausbildung sei das noch schwerer.

Das klingt entmutigend. Es nimmt aber auch Druck. Du musst keine Studie auseinandernehmen können, um gute Fragen zu stellen.

Wer bezahlt die Studie?

Nach Hirneises Beobachtung gibt es in der Medizin kaum noch neutrale Forschung. Die klassische Grundlagenforschung, bei der der Staat Professoren dafür bezahlt, ein Thema zu untersuchen, sei fast verschwunden. Stattdessen laufe sehr viel über Drittmittel, also über Geld von außen.

Als Beispiel nennt er das Krebsforschungszentrum in Heidelberg: Etwa ein Drittel der Menschen, die dort arbeiten, seien nach seiner Darstellung drittmittelfinanziert. Diese Zahl lässt sich aus dem Gespräch selbst nicht überprüfen, eine Quelle nennt er dafür nicht.

Der Punkt dahinter ist aber auch ohne Zahl verständlich. Wer eine Studie finanziert, hat Einfluss darauf, welche Frage überhaupt untersucht wird. Und Fragen, an denen niemand verdient, werden seltener gestellt.

Das heißt nicht, dass jede finanzierte Studie falsch ist. Es heißt: Die Geldquelle gehört zur Information dazu, genauso wie das Ergebnis.

Reihe unbeschrifteter Glasfläschchen auf einer Laborbank bei kühlem Licht
Wer eine Untersuchung finanziert, entscheidet mit, welche Frage überhaupt gestellt wird.

Was passiert mit den Ergebnissen, die nicht passen?

Hirneise nennt eine Zahl, die hängen bleibt: Jede vierte Studie werde nicht veröffentlicht. Und wer entscheidet darüber? Die, die zahlen.

Stell dir das mal praktisch vor. Vier Untersuchungen zum gleichen Mittel, drei werden gedruckt, eine verschwindet in der Schublade. Wenn du am Ende nur liest, was veröffentlicht wurde, siehst du ein Bild, das freundlicher ist als die Wirklichkeit.

Auch diese Zahl ist eine Angabe aus dem Gespräch, ohne Belegstelle. Was sie trotzdem brauchbar macht: Sie erinnert dich daran, dass eine Studienlage immer nur das zeigt, was veröffentlicht wurde.

Randomisiert und doppelblind: Was steckt wirklich dahinter?

Zwei Wörter gelten als Qualitätssiegel. Randomisiert heißt, die Teilnehmer werden zufällig in Gruppen verteilt. Doppelblind heißt, weder Patient noch Arzt wissen, wer das echte Mittel bekommt und wer ein Scheinmedikament.

Hirneise hält beides in vielen Bereichen für nicht einlösbar.

Zufällig sei die Auswahl schon deshalb nicht, weil im Studienplan vorher genau festgelegt wird, wer teilnehmen darf. Nicht jeder mit Brustkrebs oder Darmkrebs kommt in die Studie, sondern nur bestimmte Menschen mit bestimmten Voraussetzungen. Über dieses Zulassen und Aussortieren lässt sich das Ergebnis mitgestalten, lange bevor die erste Infusion läuft.

Sein Beispiel dazu ist einprägsam. Er stieß auf eine Studie zu einem Chemopräparat, in der kaum Magenblutungen auftraten. Erst später erfuhr er von einem Arzt, dass in dieser Studie fast nur Patienten waren, deren Magen zuvor operativ entfernt worden war. Ein Organ, das fehlt, blutet nicht.

Und doppelblind? In der Onkologie sei das oft schlicht unmöglich. Wer eine Chemotherapie bekommt, merkt das. Wer sie nicht bekommt, merkt das auch. Trotzdem tragen viele Studien das Etikett.

Hirneise nennt das beim Namen: Patienten und Ärzte würden damit belogen. Das ist eine scharfe Formulierung, und es ist seine Bewertung, keine gerichtsfeste Feststellung.

Die Frage, die niemand beantwortet

Das ist der Teil, der im Alltag am meisten bringt.

Es gibt vergleichende Studien, sagt Hirneise, und die seien manchmal hilfreich: Wirkt Antikörper A besser als Antikörper B? Ist Präparat C verträglicher als D?

Nur ist das selten die Frage, mit der ein Mensch in der Praxis sitzt. Die lautet: Bringt mir diese Behandlung überhaupt etwas?

Genau diese Frage werde kaum untersucht. Denn dafür bräuchte es eine Gruppe, die die Standardtherapie nicht bekommt. Und das gelte als nicht vertretbar. Ethikkommissionen benutzen dafür laut Hirneise regelmäßig das Wort „inhuman“. Ein Vergleich zwischen Chemotherapie und zum Beispiel hochdosiertem Vitamin C sei so nicht möglich, weil es als unmenschlich gelte, jemandem die Chemotherapie vorzuenthalten.

Er verweist außerdem auf eine englische Untersuchung, bei der 45 Antikörper rückwirkend angeschaut wurden. In mehr als 80 Prozent der Fälle habe sich kein Unterschied gezeigt, wenn man die Jahre mit dem Medikament mit den Jahren davor vergleicht. Seine Frage dazu ist naheliegend: Wie kamen diese Mittel dann durch die Zulassung? Welche Studie das war und wo sie erschienen ist, sagt er im Gespräch nicht. Nachprüfen lässt sich die Angabe hier also nicht.

Warum andere Wege so selten untersucht werden

„Zeigen Sie mir doch mal Ihre Studien.“ Diesen Satz muss Hirneise oft hören. Er nennt ihn einen Trick.

Denn eine Studie an einer Universität zu bekommen, sei für jemanden wie ihn praktisch ausgeschlossen. Und alles, was außerhalb einer Universität dokumentiert wird, gelte als nichts wert. Er berichtet von einer eigenen Auswertung mit 67 Krebspatienten in seinem Zentrum in Stuttgart: Daten gesammelt, Verläufe über Jahre verfolgt, alles dokumentiert. Für viele Professoren zähle das trotzdem nicht, weil es nicht an einer Hochschule entstanden sei.

Einmal war er nach eigener Darstellung kurz davor. Eine Studie zu einer Ernährungstherapie bei Krebspatienten, an der Universität Mannheim, mit einem Professor, der dahinterstand. Vorgespräche gab es, Diskussionen auch. Dann wurde sie kurzfristig abgesagt. Warum, weiß er bis heute nicht.

Er erzählt außerdem von einer Studie in Ulm zu einem Präparat aus Schöllkraut und einem Chemowirkstoff, eingesetzt bei Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Gruppe mit diesem Mittel habe in dieser Studie am längsten gelebt. Danach sei nie wieder eine Studie dazu gemacht worden.

Wichtig dabei: Eine einzelne Studie, die im Gespräch nicht näher belegt wird, ist keine Empfehlung. Weder für dich noch für jemanden in deiner Familie. Sie ist ein Hinweis darauf, dass manche Fragen nicht weiterverfolgt werden, und das ist etwas anderes als ein Nachweis von Wirksamkeit.

Zweifeln ist keine Wissenschaftsfeindlichkeit

In der Pandemie wurde vieles mit dem Satz „die Wissenschaft sagt“ begründet. Dabei lebt Wissenschaft vom Hinterfragen. Wer Fragen stellte, bekam schnell ein Etikett aufgeklebt.

Hirneise findet dafür ein Bild, das absichtlich alltäglich ist: Wenn er keinen Hamburger bei einer Fast-Food-Kette isst, ist er kein Verweigerer. Er hat einfach für sich entschieden.

Er zieht auch Parallelen zur Pandemie und kritisiert, dass Vergleichsgruppen gefehlt hätten, ebenso bei anderen Impfungen. Das sind seine Einschätzungen, und sie sind umstritten. Aus dem Gespräch selbst geht nicht hervor, welche Daten er dafür herangezogen hat. Wer Fragen zu Impfungen hat, klärt sie besser im Gespräch mit einer Ärztin, die den eigenen Gesundheitszustand kennt, als anhand einer Podcast-Aussage.

Hier geht es um etwas anderes, und das bleibt auch dann richtig, wenn du einzelne seiner Thesen nicht teilst: Du darfst nachfragen. Ohne Rechtfertigung.

Patientin macht sich beim Gespräch am Schreibtisch in einer Praxis Notizen
Wer sich Antworten mitschreibt, behält nach dem Termin mehr als die Hälfte.

Welche Fragen im Arztgespräch weiterhelfen

Du musst keine Studien lesen. Du kannst aber nachfragen, worauf eine Empfehlung beruht. Diese Fragen bringen dich weiter, egal ob es um eine Krebstherapie, ein Schmerzmittel oder eine Routineuntersuchung geht:

  • Auf welche Untersuchung stützt sich diese Empfehlung, und wer hat sie bezahlt?
  • Mit wem wurde ich verglichen? Waren in der Studie Menschen in meinem Alter, mit meinen Vorerkrankungen?
  • Womit wurde verglichen: mit keiner Behandlung oder mit einer anderen Behandlung?
  • Was genau verbessert sich? Lebenszeit, Beschwerden, oder nur ein Wert im Labor?
  • Was passiert, wenn ich abwarte?

Die letzte Frage ist die unbequemste und oft die hilfreichste. Sie zeigt dir, ob es eilt.

Schreib dir die Antworten mit. Nicht aus Misstrauen, sondern weil man im Gespräch die Hälfte vergisst. Und nimm jemanden mit, wenn es um eine große Entscheidung geht.

Ein Punkt zum Schluss, der nicht verhandelbar ist: Setz keine laufende Therapie eigenmächtig ab, weil du ein kritisches Interview gehört hast. Sprich zuerst mit der Ärztin oder dem Arzt, die dich behandeln, und hol dir bei Zweifeln eine zweite Meinung. Anhaltende oder neue Beschwerden gehören ärztlich abgeklärt. Ein Text wie dieser kann dir beim Fragenstellen helfen, er ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung.

Grundlage dieses Beitrags ist das Video Hier werden Patienten und Ärzte belogen.



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